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«Unterricht gelingt, wenn es im Klassenzimmer knistert.»

Updated: Aug 15, 2023

Die Resonanztheorie im Instrumentalunterricht

 

Motivation, ein Dauerthema

Es ist Montagmorgen. Ich bin noch etwas müde von einem Wochenende voller Konzerte, aber freue mich auf den Tag. Die erste Schülerin kommt ins Musikzimmer, wir begrüssen uns herzlich, plaudern übers Wochenende und was so unternommen wurde. Jetzt geht es ans Klavier, schon teilt mir die Schülerin mit, sie habe leider diese Woche nicht so üben können, da … und schon höre ich nicht mehr richtig zu. Ich ärgere mich, meine Freude auf den Tag geknickt, meine Laune auf dem Weg in den Keller: Das ist bereits das dritte Mal hintereinander! Wir haben doch bald die Vortragsübung, wie soll das gelingen? Ich möchte doch, dass sie das Stück, das ich extra für sie ausgesucht habe, im Griff hat und souverän vorspielen kann. Wieso funktioniert das mit dem Üben zuhause nicht? So kommen wir nicht vorwärts. Ich bemühe mich um gute Miene zum bösen Spiel, schaue, wo wir stehengeblieben sind und woran wir weiterarbeiten müssen. Die Unterrichtsstunde ist produktiv: Wir arbeiten konzentriert, nach einigem Erproben funktionieren auch die schwierigsten Stellen und die Schülerin geht mit klaren Aufgaben und neuen Übe-Ideen aus der Stunde raus. Eigentlich ein Erfolg, doch einen bitteren Nachgeschmack bleibt und Argwohn hemmt die Hoffnung, dass es dieses Mal bestimmt funktioniert.


So oder so ähnlich erleben wir immer wieder Situationen im Unterricht. Dabei ist die Motivation ein Dauerthema – die Motivation zu üben, die Motivation an den Themen und Inhalten zu arbeiten, die wir als wichtig für ihre musikalische Ausbildung erachten, auch an den Sachen, die einfach sein müssen, dazu gehören.

«Ein Kind ist kein Fass, das vollgestopft,sondern ein Feuer, das entfacht werden will!»

Überraschend progressiv entstammt diese Anmerkung der Feder eines Schriftstellers und Humanisten der Renaissance, François Rabelais. Sie bestätigt, dass seit jeher Diskussionen stattfinden und Theorien entwickelt werden, wie erfolgreiche Bildung auszusehen hat. Dass Kinder keine leeren Gefässe, sondern Wesen mit eigener Persönlichkeit und Interessen sind, und Bildung am besten über intrinsische Motivation erfolgt, ist eigentlich logisch und uns allen bekannt. Doch gerät dieser Grundgedanke manchmal in Vergessenheit, wenn Erwartungen, Ziele und den Willen nach Erfolg aufeinandertreffen.

Ein Sprung zur heutigen Zeit, wo der Soziologe Hartmut Rosa mit seiner Resonanztheorie einen ähnlichen Ansatz vertritt. «Unterricht gelingt, wenn es im Klassenzimmer knistert.» So definiert er, wie sich die Resonanztheorie auf Bildung und Schule übertragen lässt und erkundet gemeinsam mit dem Pädagogen Wolfgang Endres im Buch Resonanzpädagogik, wie Schule zum Resonanzraum werden kann.


Sociologist Hartmut Rosa
Hartmut Rosa © juergen-bauer.com

Was ist Resonanz?

Resonanz beschreibt Rosa als «eine aktive Bezugnahme entweder zu anderen Menschen – in der Schule zu Lehrern und Mitschülern – oder zu Dingen und Inhalten, etwa zum Lehrstoff. Resonanzpädagogik zielt nicht auf den Erwerb von Kompetenzen ab, sondern darauf, dass sich die beteiligten Menschen und Dinge wechselseitig ‘zum Sprechen’ bringen.» Schülerinnen und Schüler müssen also «merken, dass sie der Unterrichtsstoff etwas angeht, dass er ihnen etwas zu sagen hat. Und dass sie den Unterrichtsgegenstand selbst mitformen.» Resonanz setzt sich somit der Kompetenz entgegen; es geht nicht um den Erwerb, sondern um die «Anverwandlung» von Wissen. Dieser Schachtelbegriff beschreibt das prozesshafte in Beziehung Treten mit einer Sache, und sie so zu eigen zu machen, dass sie einen verwandelt. Aus Rosas Definition lassen sich demnach drei zentrale Merkmale für Resonanz herauskristallisieren: Berührung, Selbstwirksamkeit und Beziehung.


Wir müssen brennen

Resonanz entsteht dort, wo der Funke überspringt: Eine Sache oder eine Person spricht uns an, bewegt uns, begeistert uns – sie bringt unsere Augen zum Leuchten. Diese körperliche Reaktion ist am Verhalten der beteiligten Personen abzulesen. Konkret merken wir als Lehrperson den Schülerinnen und Schülern an, wenn ihnen das vorgespielte Lied besonders gefallen hat, wenn wir sie mit einer Information erreichen oder wenn sie vor lauter Begeisterung über ihr Können, nicht aufhören, ein Lied immer und immer wieder zu spielen. Im Gegenzug merken auch die Schülerinnen und Schüler, ob wir von einem Thema oder einer Methode begeistert sind oder ob wir es nur mässig überzeugt oder unreflektiert umsetzen. Suchen oder künstlich herstellen müssen wir ja unsere Begeisterung nicht: Die Leidenschaft fürs Musizieren und insbesondere für unser Instrument begleitet uns ja seit jeher und hat uns auch zu diesem Beruf geführt. Wenn wir diese in den Unterricht mitnehmen, bringen wir uns selbst zum Klingen – wir inspirieren unser Gegenüber, das sich bestenfalls von unserer Energie anstecken lässt.

Erfolgreich vermitteln können wir nur, wofür wir selbst brennen. Wenn uns bestimmte technische Übungen langweilig erscheinen, fehlt auch den Schülerinnen und Schüler die Motivation, diese zu üben. Wenn das freie Improvisieren am Instrument bei uns Unbehagen und Unsicherheit auslöst, lassen sich auch Schülerinnen und Schüler nicht zum freien Spiel bewegen. Zentral ist also die Wahrnehmung der eigenen Vorlieben und Abneigungen, die wir folglich in unserem Lehrplan berücksichtigen müssten. Themen, die uns nur wenig ansprechen, müssen dennoch nicht komplett gestrichen werden, besonders wenn wir sie als wichtig für eine solide musikalische Ausbildung halten. Aber wir können unsere Aversionen reflektieren und dadurch vielleicht auf Einzelheiten stossen, die uns vielleicht doch ansprechen, was uns wiederum ermöglicht, diese erfolgreicher zu vermitteln. Auch können wir uns auf die Suche machen nach Wege den Schülerinnen und Schülern Themen und Inhalte aufzuschliessen, zu denen sie keinen direkten Bezug haben, mit denen sie noch nicht in Berührung kamen. Aufzeigen, dass es sie etwas angeht und interessant und inspirierend sein kann, damit sie Neues entdecken können und sich nicht nur dort aufhalten, wo es bekannt und vertraut ist. Keinesfalls ein leichtes Unterfangen. Vielleicht hilft es Anknüpfpunkte zu Elementen ihrer Lebenswelt herzustellen: Das Game, dass sie gerade begeistert spielen, hat klassische Werke als Soundtrack und weckt das Interesse an der klassischen Musik; ein Gleichaltriger zeigt auf TikTok sein Können und spornt an, die eigenen technischen Fähigkeiten zu erweitern; die Freude am freien Spiel und dem Komponieren von eigenen Liedern macht das Beherrschen von Notenschrift und musiktheoretischen Grundlagen zu einem Tool um die eigenen Ziele zu erreichen.


a boy practicing the piano
© pixabay

Den Unterrichtsgegenstand mitformen

Die Erfahrung und Förderung der Selbstwirksamkeit steht in der Resonanzpädagogik zentral – das Gefühl selbst etwas erreichen oder bewegen zu können, braucht es, um in den Resonanzmodus einzutreten. Das setzt Vertrauen voraus: das Vertrauen in sich selbst und in die eigenen Fähigkeiten und das Vertrauen ins Gegenüber und der Beziehung, sowohl für Lehrende wie Lernende. Also entsteht Selbstwirksamkeit, wenn Schülerinnen und Schüler nicht das Gefühl von Fremdbestimmung und Inkompetenz erleben, sondern wenn sie aktiv in die Gestaltung ihres eigenen Lernens eingebunden werden und somit Verantwortung übertragen bekommen, und wenn durch Erfolgs- und Aha-Erlebnisse Ressourcen und Fähigkeiten sichtbar werden. Wie können wir das als Lehrpersonen erreichen? Den Anfang macht unsere Haltung – sie setzt einen pädagogischen Optimismus voraus, die Orientierung an Potenzial und die Aufgeschlossenheit und den Respekt vor der Persönlichkeit des anderen. Ausserdem soll nach Rosa «im Bildungsprozess die eigene Stimme des Kindes zur Entfaltung kommen». Und wir (als Lehrpersonen) «müssen sie auch hören können». Neben Offenheit und einer guten, vertrauensvollen Beziehung, kann dies durch Einbeziehung, also individuell zugeschnittene Zielsetzungen und einer differenzierten Feedbackkultur gelingen.


Wenn das Ziel weit weg ist, was ist dann der Weg?

Es bedarf demnach einerseits eine Zielsetzung, die in Interaktion festgelegt und als erreichbar empfunden wird, und die das Erleben von Resonanz ermöglicht; also potenzialorientiert, mit deutlichen Zielen und ein Gefühl der Kontrolle, gefolgt von der Erfahrung über sich hinauszuwachsen. Dabei ist die Erwartung, dass etwas gelingen kann, eine der grössten Treiber der Motivation. Und etwas, dass wir beim Erlernen eines Instruments besonders benötigen, da Lernerfolge manchmal über längere Zeit nur schwer feststellbar sind und Anfangs- und Endziel teilweise weit auseinanderklaffen.

Ausserdem benötigen wir eine differenzierte Feedbackkultur. Also nicht nur ein «gut gemacht» oder «schön», sondern ein Feedback, wie zum Beispiel nach der WIN-Methode, mit der wir unsere Wahrnehmung möglichst genau schildern, unsere Interpretation aus der eigenen Perspektive mitteilen und offen nach dem Befinden und der Meinung der Schülerinnen und Schüler fragen, ohne die Erwartung einer bestätigenden Antwort. Also kein Unterricht wo strikt zwischen richtig und falsch unterschieden wird, sondern Raum für Interpretation, Individualität und Kreativität zulässt und eine positive Fehlerkultur gepflegt wird.

«Resonanz ist kein emotionaler Zustand, sondern ein Beziehungsmodus»

Dementsprechend braucht es die vertrauensvolle Beziehung, denn nur mit einer gegenseitigen Wertschätzung und in einem angstfreien Raum kann Resonanz stattfinden. Angst vor Bestrafungen oder Versagen, Bevormundung oder ein starkes Hierarchiegefälle verhindern dies. Beziehung ist also nicht ein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Aspekt unserer Arbeit. Wir dürfen, nein sollen transparent und authentisch sein, und unsere Menschlichkeit zeigen. Zusammen lachen können, auch über die eigenen Fehler, das heisst auch zugeben können, wenn wir eine Antwort nicht haben, nicht weiterwissen, oder einen Moment brauchen, uns den nächsten Schritt zu überlegen. Auch sich auf Augenhöhe begegnen, sich gemeinsam auf dem Weg begehen und eine neue Autorität leben.


Ein Interaktionsmodell

Ein interessantes Modell zu Beziehungsarbeit und die Faktoren, die wirken, überall, wo Menschen miteinander arbeiten bzw. lernen, hat Ruth C. Cohn mit der Themenzentrierte Interaktion entwickelt. Nach ihrem Vier-Faktoren-Modell treffen bei einer Interaktion immer vier Elemente in ständiger Wechselwirkung aufeinander: das Es, das Ich, das Wir und der Globe.


Genauer heisst dies, das Thema, die individuellen Persönlichkeiten, die Dynamik der Gruppe und die Einflüsse der Umwelt. Für ein erfolgreiches Lernen soll also nicht nur auf die Sache fokussiert werden, sondern alle vier Faktoren beachtet und in einer dynamischen Balance gebracht werden. Dazu formuliert sie zwei Postulate: «Leite dich selbst» und «Störungen haben Vorrang». Ersteres sieht vor, dass wir zur Chairperson unseres Selbst werden und «nehmen und geben, wie wir es verantwortlich für uns selbst und andere wollen». Wir handeln und verhalten uns also selbstbestimmt und selbstverantwortlich und lassen uns nicht von Autoritäten oder Ideologien verleiten. Dabei berücksichtigen wir das zweite Postulat und «beachten Hindernisse auf dem Weg, unseren eigenen und die von anderen. Störungen haben Vorrang; ohne ihre Lösung wird Wachstum verhindert oder erschwert.» Die von Rosa beschriebene Entfremdung entsteht genau in einer solchen Störung. Wenn beim Ich oder in der Beziehung zwischen Lehrender und Lernender Unstimmigkeiten vorhanden sind, kann keine themenzentrierte Interaktion stattfinden und Resonanz wird verhindert. Schülerinnen und Schüler fühlen sich nicht angesprochen, sind gelangweilt oder überfordert, sie werden unerreichbar.

Also ist Bildung nur über eine funktionierende Beziehung erfolgreich. Das bedeutet, dass wir uns selbst, unsere eigenen Erwartungen und Vorstellungen reflektieren und in den Hintergrund stellen müssen. Trotz knapper Zeitverhältnisse und zu erreichender Ziele sollten wir uns die Zeit nehmen, Beziehungsarbeit zu leisten. Dadurch kann der Fokus auf die Sache gelingen und eine «Anverwandlung» von Wissen stattfinden. Dies beinhaltet auch, in Störungssituationen unsere eigene Reaktion zu reflektieren und den Störungsmoment direkt und offen anzusprechen: Inwieweit beeinflussen Müdigkeit, Stress und Erwartungsdruck unsere genervte Reaktion? Warum wurde wiederholt nicht geübt, und was sind die Gründe hinter den Ausreden?

Im Musikzimmer Resonanz entstehen zu lassen, den Funken überspringen zu lassen und in den Schülerinnen und Schülern ein Feuer zu entfachen, das bis zur nächsten Unterrichtsstunde nicht erlischt, ist wahrscheinlich unsere herausforderndste Aufgabe als Instrumentalpädagoginnen und -pädagogen. Sie erfordert eine fortwährende Reflexion und den Dialog mit Fachkolleginnen und -kollegen; und sie spornt uns an, immerzu neue Theorien und Ansätze entdecken, studieren und ausprobieren zu wollen.


 

Literatur

 
 
 

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